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Meine Bingoantwort für "Erweiterte Familie"

Wie angedroht eine Fanfic zu SOKO Stuttgart. Bzw. zu einigen der dort vorkommenden Charaktere.
Titel: Wahlverwandtschaften???
Genre: Familie, Freundschaft
Rating: p6 Sprich vollkommen harmlos.
Wörter: ca. 5000
Zusammenfassung: Stell dir vor jemand hat vielleicht geschwindelt. Aber *deswegen* ist niemand sauer. Spielt im Frühling 2003 und ist aus Kordulas Sicht geschrieben.
Warnung für unkundige: Die Geschichte ist aus Perspektive eines Kindes geschrieben.



Wahlverwandtschaften???
Kordula stand jetzt schon fast eine Viertelstunde vor der Musikschule und so langsam wurde Frau Steinhuth ungeduldig. Die fand nämlich, dass es zu gefährlich war wenn Kordula draußen alleine wartete. Dabei war es inzwischen schon lange Frühling und es dauerte noch ewig bis es dunkel wurde. Außerdem saß der Mann, der die zwei Kinder entführt und totgemacht hatte inzwischen im Gefängnis. Sie wusste das genau. Schließlich hatte ihre Mama mitgeholfen ihn zu erwischen. Außerdem hatte es sogar in der Zeitung gestanden. Frau Steinhuth das alles zu erzählen half leider nichts. Die Geigenlehrerin bestand darauf zusammen mit Kordula zu warten bis sie abgeholt wurde.

Dabei hatte Frau Wehner sie auch alleine warten lassen. Aber Frau Wehner hatte kurz vor Weihnachten ein Baby bekommen und seit dem war Frau Steinhuth ihre neue Lehrerin. So lange es draußen noch kalt gewesen war hatte Kordula immer im Treppenhaus der Musikschule gewartet. Da fand auch Frau Steinhuth sie sei alt genug um das alleine zu können. Aber das Treppenhaus wurde gerade gemalert. Da roch es eklig nach Farbe, und kalt war es auch nicht mehr. Deshalb war Kordula einfach rausgegangen. Frau Steinhuth hatte sie durchs Fenster gesehen und bestand jetzt darauf mit ihr zusammen zu warten.

Kordula wäre ja sogar alleine nach Hause gefahren. Wenn sie gedurft hätte. Zur Musikschule kam sie vom Hort aus ja auch alleine. Gut, die Strecke war viel kürzer. Nur durch den Park, zweimal über die Straße und dann noch mal um die Ecke. Um nach Hause zukommen musste sie mit dem Bus fahren und sogar umsteigen. Aber Kordula war sich ziemlich sicher dass sie das schaffen würde. Schließlich war sie kein Baby mehr sondern inzwischen schon neun. Die anderen in ihrer Klasse durften auch schon allein mit dem Bus fahren. OK nur ein paar, aber trotzdem. Schließlich war Stefan auch schon mit Neun alleine zur Schule gefahren. Mama hatte das allerdings nicht gelten lassen. Sie hatte nur gelacht und gesagt: "Dein Bruder hat auch weit weniger geträumt als du." Immerhin hatte sie ihr versprochen in den großen Ferien den Weg zu üben.

Davon abgesehen machte es Kordula allerdings nichts aus hier zu warten. Gegenüber von der Musikschule war irgendein Amt und davor ein ziemlich großer Parkplatz. Solange das Amt offen hatte und auch hier noch Unterricht war, kamen ständig irgendwelche Leute an, oder stiegen wieder in ihre Autos um wegzufahren. Kordula machte es Spaß andere zu beobachten, daher wurde ihr so schnell nicht langweilig.

Wenn sie gute Laune hatte konnte man sich außerdem ganz gut mit Frau Steinhuth unterhalten. Aber heute hatte die es wohl eilig. Ständig schaute sie auf ihre Armbanduhr.
"So langsam sollte dein Vater aber kommen. Er weiß doch genau wann deine Stunde zu Ende ist."

Kordula schüttelte den Kopf. "Papa kommt heute nicht. Er hat gesagt er muss länger arbeiten."

"Und wer holt dich dann heute ab?"
Kordula zuckte mit den Schultern. Als Paulas Mutter sie heute früh eingesammelt hatte war das noch nicht geklärt gewesen. Sie verstand allerdings nicht warum Frau Steinhuths Miene sich deshalb verfinsterte. OK, eigentlich war es Papas Job sie von der Musikschule abzuholen. Aber oft genug klappte das nicht. Dann kam eben jemand anderes. Meistens Mama oder Stefan. Manchmal auch jemand der nicht zu ihrer Familie gehörte. Einmal war sie sogar schon von Christine, Papas Sekretärin abgeholt worden. Die war aber irgendwie komisch gewesen. Wenn einer von Mamas Kollegen kam gefiel ihr das wesentlich besser. Vor allem wenn Jo sie abholte. Mit dem konnte man nämlich prima Quatsch machen. Und anders als viele andere Erwachsene hörte Jo ihrwirklich zu wenn sie ihm was erzählte. Außerdem sahen sie sich auch sonst öfter, so dass sie ihm dabei nicht alles erklären musste. Das Jo sie hier abholen kam war allerdings selten. Schließlich arbeitete er ja direkt mit Mama zusammen. Und wenn die noch nicht Feierabend machen konnte, konnte Jo das meistens auch nicht.

Es war ja eigentlich auch fast egal wer sie abholte. Wichtig war: irgend jemand kam immer. Das würde heute nicht anders sein.
Sie holte gerade Luft um Frau Steinhuth das zu erklären als ein ihr wohlbekanntes Auto auf den Parkplatz einbog. Offenbar hatte sie heute Glück. Kordula spürte wie sich ihr Gesicht zu einem breiten Grinsen verzog. Schließlich hatte sie Jo seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen. Am liebsten wäre sie gleich losgerannt, wartete aber lieber vor dem Haus. Irgendwann als sie kleiner war, hatte Jo sie nämlich mal fast umgefahren, weil sie plötzlich vor seinem Auto aufgetaucht war. Das war das einzige mal an das sie sich erinnern konnte bei dem Jo doller mit ihr geschimpft hatte als Mama.

Kaum tauchte Jo zwischen den Autos auf lief sie auf ihn zu und wurde von ihm aufgefangen.
"Na du! Du wirst immer schwerer weißt du das?"
"Ich bin ja auch gewachsen. Das ist so bei Kindern."
Er lachte. Gemeinsam schlängelten sie sich zurück zu seinem Auto. Plötzlich kam Kordula ein Gedanke von dem sie einen Knoten im Magen bekam. Sie betrachtete für einen Moment eingehend Jos Gesichtsausdruck. Eigentlich sah er nicht so aus als ob er sich Sorgen machte. Trotzdem wollte sie es jetzt genau wissen.

"Ist Mama irgendwas passiert?"

Jo blieb stehen und sah sie erstaunt an. "Wie kommst du denn jetzt auf so was?"

Kordula schluckte. "Na ja,im Radio haben sie erzählt, dass im Stadion Polizisten mit Glasflaschen beworfen wurden. Und die mussten dann ins Krankenhaus. Und wenn Mama arbeiten muss musst du ja eigentlich auch arbeiten und..." Sie hatte während ihrer Erklärung auf den Boden geguckt, hob aber den Kopf als sie spürte wie Jo sie in den Arm nahm.
"Schschsch. Alles gut. Mit deiner Mama ist alles in Ordnung." Er schien kurz zu überlegen, entschied sich aber schließlich weiterzuerzählen.
"Du weißt ja das Weber deine Mama nicht besonders mag." Kordula nickte. So richtig verstand sie das alles zwar nicht, aber so viel hatte sie im Laufe der Zeit doch mitbekommen. "Jetzt ist noch eine Versammlung. Wenn deine Mama gesagt hätte, dass sie nicht dabei sein kann hätte er von ihr wissen wollen warum. Und wenn sie ihm dann gesagt hätte, dass sie dich abholen muss hätte er rumgemeckert und gesagt, dass das kein Grund ist um nicht zur Versammlung zu kommen."
"Und wieso geht das dann bei dir." Jo zuckte mit den Schultern. "Ich hab ihm einfach gesagt, dass ich einen Termin habe. Bei mir fragt er ja nicht nach." Kordula nickte. Auch wenn sie das alles nicht wirklich verstand. Nicht warum dieser Herr Weber es blöd fand wenn Mama sie abholen musste. Und auch nicht warum es anscheinend in Ordnung war, das Jo irgendwie geschwindelt hatte. Dabei fand Mama schwindeln eigentlich nicht gut. Aber wenn es um Mamas Chef ging war sowieso alles ein bisschen anders als Sonst. Eigentlich fand Papa petzen nämlich doof. Aber als Jo sich bei Herrn Kaiser beschwert satte, weil Mama viel öfter nachts Bereitschaftsdienst hatte als die anderen hatte Papa das ganz in Ordnung gefunden. Das war auch das einzige mal das er sich eingemischt hatte, damit Mama nicht mehr sauer auf Jo war. Sie hatte nämlich eigentlich nicht gewollt, das Jo deswegen zu Kaiser ging. So richtig verstanden hatte Kordula das damals alles nicht. Allerdings war die ganze Sache auch schon sehr lange her. Sie war damals gerade in di zweite Klasse gekommen. Mama und Jo hatten sich also längst wieder vertragen und deshalb war es auch nicht mehr wirklich wichtig.

Inzwischen waren sie fast beim Auto angekommen als Jo wieder stehenblieb. "Sag mal hast du nicht was vergessen." Kordula musste kurz überlegen bevor es ihr einfiel.
"Öhm ja, meine Geige ist noch bei Frau Steinhut." Jo lachte: "Unter anderem. Hoffen wir mal das deine Lehrerin damit rechnet dass uns das auffällt bevor wir losfahren und wir die Sachen noch einsammeln. Sonst müssen wir sie erst noch suchen."
Kordula wollte schnell zurück zur Musikschule aber Johielt sie an der Schulter fest. "Langsam junge Frau. Das ist ein Parkplatz, kein Spielplatz." Kordula nickte etwas genervt. Schließlich war sie kein kleines Kind mehr und wusste, dass man aufpassen musste wenn überall Autos waren. Trotzdem machte sie sich um einiges langsamer auf den Rückweg als sie das eigentlich vorgehabt hatte.

"Hast du dich eigentlich mit Doreen wieder vertragen?"
Jo seufzte. "Nein. Aber woher weißt du denn das wir uns gestritten haben."
"Ich wollte dich letzte Woche anrufen. Aber Mama hat gesagt dass du traurig bist weil du dich mit Doreen gestritten hast und dass ich dich deshalb nicht nerven soll."
Jo nickte. Dann seufzte er noch mal. "Ich war nicht traurig weil wir uns gestritten haben. Sondern weil ich wusste dass wir uns nicht wieder vertragen."

Kordula nickte nachdenklich. Sie hätte gern irgend etwas gesagt um ihn zu trösten. Denn so wie Jo jetzt guckte war er deswegen immer noch traurig. Sie hatte allerdings keine Ahnung was in so einem Fall helfen konnte. So was war auch eigentlich Mamas Job. Die konnte das mit dem Trösten nämlich richtig gut. Plötzlich fiel ihr etwas auf.

"Guck mal das Auto da drüben. Ist das ein Ferari?" Tatsächlich hellte sich Jos Miene deutlich auf als er das Auto sah.

"Nein, das ist ein Wiesmann." Dabei drehte er sich um und ging zu dem Auto um es sich genauer anzugucken. Kordula grinste. Etwas richtig gemacht zu haben war ein prima Gefühl. Da ihr selber Autos ziemlich egal waren ging sie schon mal zurück zur Musikschule.

Sie hatte Glück. Frau Steinhut stand tatsächlich noch an der Haustür. Allerdings guckte sie ziemlich sauer.
"Kordula! Du kannst doch nicht einfach mit einem fremden Mann weggehen ohne bescheid zusagen!"
"Aber ich kenne Jo doch schon lange. Der ist doch nicht fremd."
Inzwischen war Jo auch angekommen. Frau Steinhut warf ihm einen ziemlich bösen Blick zu. Jo schien das allerdings nichts auszumachen.

"Setz dich schon mal ins Auto. Ich klär das mit deiner Lehrerin." Damit drückte er ihr den Schlüssel in die Hand.
Kordula nickte.

Kurz nachdem sie die Straße zum Parkplatz überquert hatte hörte sie plötzlich ein lautes Hupen. Erschrocken sah sie zurück zur Straße. Daher bemerkte sie nicht, dass sie zu nah an einem der parkenden Autos vorbeiging. Das bemerkte sie erst als sie mit dem Geigenkasten an einem der Spiegel aneckte. Seufzend blieb sie stehen um nachzugucken ob der Spiegel verbogen war. Dann würde sie nämlich bescheid sagen müssen. Einfach weggehen wenn man was kaputtgemacht hatte war schließlich verboten.

Da gerade keine Autos vorbeikamen verstand sie von hier aus noch gut was die Erwachsenen besprachen. Frau Steinhut war wohl gerade fertig mit meckern denn sie hörte Jos Stimme.
"...wenn ich meine Nichte abholen will dann kann ich das tun..."

an diesem Moment bog das nächste Auto auf den Parkplatz und Kordula musste ausweichen. In Gedanken versunken ging sie weiter zu Jos Auto. Sie überlegte was eine Nichte war. Irgendwo hatte sie das Wort schon mal gehört. Außerdem hatte sie das Gefühl das Jo gerade geschwindelt hatte. Warum sonst hatte er sie weggeschickt?



Bevor Jo einstieg packte er zuerst ihren Ranzen neben die Geige auf den Rücksitz. Ups! An den hatte sie gar nicht mehr gedacht. Kordula erwartete dass sie jetzt gleich losfahren würden aber Jo schien es damit nicht so eilig zu haben.
"Deine Mama hat gesagt ich soll dich fragen ob du noch Hausaufgaben auf hast die morgen fertig sein müssen und die du im Hort nicht gemacht hast."
"Na ja,... eigentlich nicht. Also keine richtigen."
"Hm, und was für uneigentliche falsche Hausaufgaben musst du noch machen?"
"Wir sollen morgen Pflanzen mitbringen, die auf einer Wiese wachsen. Die meisten haben sich vorhin was gesucht als wir draußen gespielt haben. Aber ist doch blöd wenn alle das selbe mitbringen."
"Jo nickte. "Stimmt. Und wo willst du suchen?"
"Na bei uns im Garten." Sie fand die Frage ziemlich dumm. Schließlich kam sie ja heute zu keiner anderen Wiese mehr.
"Ich glaub ich hab da 'ne bessere Idee. Es sei denn du musst sonst noch was machen."
Sie schüttelte den Kopf. Frau Haffner hatte zwar gesagt sie könnte ruhig mal wieder lesen üben. Aber das waren schließlich keine richtigen Hausaufgaben und Frau Haffner hatte auch nicht gesagt dass sie das heute machen musste.

Inzwischen waren sie losgefahren. Als sie Jo gefragt hatte wo sie denn hinwollten hatte er nur gegrinst und gemeint sie sollte sich überraschen lassen. Sie beschloss sich damit wenigstens fürs erste zufrieden zu geben. Erwachsenen auf die Nerven zu gehen wenn die mit Autofahren beschäftigt waren, war keine gute Idee, zumindest nicht wenn so viele Autos unterwegs waren wie jetzt. Außerdem wollte sie noch über die Sache mit der Nichte nachdenken. Inzwischen war ihr eingefallen woher sie das Wort kannte. In der Schule hatten sie sich in Ethik mal über Familien unterhalten. Wer da so außer Mutter Vater und Kindern noch dazugehören konnte. Bei den meisten Kindern waren da Omas und Opas gewesen. Sie und Stefan hatten so was nicht. Jedenfalls kannte sie die nicht. Natürlich wusste sie inzwischen, dass es die irgendwo geben musste. Schließlich konnten Kinder ja nicht ohne Eltern auf die Welt kommen. Nach der Unterrichtsstunde hatte sie eigentlich zu Hause danach fragen wollen. Aber sie war nachmittags vom Klettergerüst gefallen und hatte sich die Hand verstaucht. Sie war deshalb sogar richtig im Krankenhaus gewesen. Deshalb hatte sie daran nicht mehr gedacht.

Außer Großeltern gab es bei manchen auch noch Tanten und Onkel. Und wenn da Tanten und Onkel waren, dann waren die Kinder im Gegenzug Nichten und Neffen. Wenn sie also Jos Nichte war dann war Jo ihr Onkel und dann wäre er Mamas Bruder. Eigentlich war Kordula sich ziemlich sicher dass das nicht stimmte. Die beiden erzählten sich viele Sachen die sie sonst niemandem erzählen wollten. So was wie die Sache mit Doreen, und Mama erzählte ihm bestimmt auch wenn sie sich mit Papa oder Stefan gestritten hatte. Sie selber erzählte solche Sachen eigentlich nur Ira. Na gut, manchmal auch Paula. Die beiden waren ihre besten Freundinnen. Diejenigen mit denen sie am besten spielen konnte.

Siewusste, dass auch Mama und Jo öfter mal nach der Arbeit zusammen in eine Kneipe was trinken gingen. Und das war schließlich so was wie die Erwachsenenvariante davon. Deshalb hatte sie bis jetzt auch immer gedacht die beiden wären Freunde. Andererseits waren Ira und Paula genau so alt wie sieselbst. Mama war aber ein gutes Stück älter als Jo. Fast zehn Jahre. Das waren mehr als ┤wischen ihr selber und Stefan lagen. Mama passte auch ein bisschen auf Jo auf. Natürlich war der erwachsen und brauchte deshalb eigentlich niemanden mehr dafür. Abar Mama war irgendwie noch erwachsener. Sie arbeitete auch schon viel länger als Polizistin und hatte ihm deshalb am Anfang viel erklären müssen. Inzwischen war das nicht mehr so. Genau wie Stefan jetzt viel weniger auf sie aufpassen musste als damals als sie noch im Kindergarten gewesen war.

Außerdem war Mama eine Frau und Jo ein Mann. Und wenn ein Mann der Freund von einer Frau war, dann wollten die knutschen, das wusste jeder. Aber Mama knutschte wenn dann mit Papa. Jo hatte in letzter Zeit mit Doreen geknutscht. Sie wusste nicht mit wem er das jetzt machte. Vielleicht knutschte er im Moment auch mit niemandem. Auf alle Fälle nicht mit Mama.
Trotzdem mochten sich die beiden. Vielleicht hatte Jo also doch nicht geschwindelt, und Mama war irgendwie seine Schwester. Mist! alleine würde sie das wohl nicht rausbekommen.


Einen Moment überlegte sie Jo einfach zu fragen. Aber Erwachsenen zu sagen dass sie Mist gebaut hatten, wenn man da selbst nicht ganz sicher war, war irgendwie doof. Jo wäre zwar sicher nicht sauer gewesen. Egal ob er nun geschwindelt hatte oder nicht. Trotzdem entschied sie sich dagegen.
Schließlich beschloss sie später zu Hause nachzufragen. Mama musste ja wissen ob Jo nun ihr Bruder war oder nicht.

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Kordula hatte später zu Hause dann doch nicht mehr gefragt. Einfach weil sie es vergessen hatte. Sie war nämlich mit Jo am Zaun gewesen. Der Zaun war aus Maschendraht und eigentlich gar kein richtiger Zaun mehr. Früher war auf der einen Seite ein großer Park gewesen, der reichen Leuten gehört hatte. Auf der anderen Seite war auch ein Park, aber der gehörte niemandem so richtig. Irgendwann waren die reichen Leute gestorben und um ihren Park hatte sich niemand mehr gekümmert.
Die anderen drei Seiten des Zauns hatte dann irgendwann jemand ordentlich weggemacht. Nur die Seite zum zweiten Park war stehengelassen worden. Vielleicht weil vorher schon jemand ein Loch reingeschnitten hatte, und es deshalb sowieso kein richtiger Zaun mehr war. Um den zweiten Park kümmerte sich auch niemand. Deshalb waren beide zusammen inzwischen so was ähnliches wie ein Wald. Zwar konnte man hier überall prima spielen. Aber das Beste war doch der Zaun zum hochklettern.

Hinterher hatten sie noch Döner gegessen. Als sie schließlich zu Hause angekommen waren, war es schon fast dunkel gewesen. Normalerweise sollte sie spätestens halb neun im Bett liegen wenn sie am nächsten Tag in die Schule musste. Das würde heute nicht klappen. Glücklicherweise schien Mama aber nicht sauer zu sein als sie ihnen die Tür aufmachte.
"Ihr habt aber lange gebraucht von der Musikschule bis hierher."
Jo zuckte mit den Schultern. "Wir haben noch einen kleinen Umweg gemacht."
"Lass mich raten. Ihr ward am Zaun und hinterher Döner essen."
Bevor Kordula fragen konnte woher sie das wusste, hatte Mama sie von den Spiegel im Flur geschoben. Hmm, so wie sie aussah war es wirklich nicht schwer rauszubekommen wo sie gewesen waren. Beim Klettern hatte sie die Jacke zwar extra ausgezogen, aber nicht während sie die Prlanzen gesucht hatten, und ihre Hose hatte sie natürlich anbehalten. Außerdem waren ein paar Haarsträhnen aus ihrem Pferdeschwanz gerutscht. OK, mehr als nur ein paar. Und beim Döneressen hatte sie Soße auf die Jacke gekleckert. Jo hatte ihr zwar geholfen sie wieder abzuwischen, aber so richtig geklappt hatte das nicht.

"Aber toll war's trotzdem." Mama lachte. "Das glaub ich dir aufs Wort. Jetzt gehst du aber bitte hoch, schmeißt die Sachen in die Wäsche und lässt schon mal Wasser in die Wanne."
Kordula nickte, drehte sich allerdings vorher noch zu Jo um sich von ihm zu verabschieden. Beide drückten sich kurz. Danach streckte er ihr die Tüte mit den Pflanzen entgegen. "Vergiss dein Grünzeug nicht." Bevor sie sie ihm abnehmen konnte hatte Mama schon danach gegriffen und besah sich die verschiedenen Blumenund Gräser die sie am Zaun gesammelt hatte. Eine richtige Wiese war dort am Zaun zwar nicht. Aber die Pflanzen die sie genommen hatte wuchsen alle auf dem Boden und vieles davon war irgendwelches Gras.
"Was willst du denn damit?"
"Wir sollen morgen Pflanzen mitbringen die auf der Wiese wachsen."

"So viele?"

Kordula zuckte mit den Schultern. "So genau hat Frau Haffner das nicht gesagt und den Rest kann Kuli doch fressen." Jo hatte zuerst gegrinst. Wahrscheinlich hatte er gewusst, dass sie eigentlich zuviel mitgenommen hatte. Aber jetzt guckte er fast ein bisschen erschrocken. "Kordula ich glaube das ist keine gute Idee. Ein paar von den Pflanzen sind nämlich giftig wenn man sie isst."

Unsicher blickte sie daraufhin zu Mama. die zuckte mit den Schultern. "Ich glaube Meerschweinchen haben da bessere Instinkte als wir Menschen. wenn Kuli eine Pflanze nicht verträgt wird er sie gar nicht erst fressen. Aber wir müssen das ja nicht ausprobieren. Am besten du fragst mal deinen Bruder ob er dir hilft. Der hat schließlich ein Pflanzenbestimmungsbuch."

Etwas beruhigt machte sie sich danach auf den Weg nach oben. Allerdings beeilte sie sich dabei nicht besonders. Schließlich wurden Erwachsenengespräche oft wesentlich interessanter wenn Kinder eigentlich nicht mehr dabei waren.

"Schlimm dass es so spät geworden ist?"
Sie sah durch die Geländerstäbe wie Mama den Kopf schüttelte.
"Ich hab mir schon gedacht, dass das heute länger dauert. Und Abendbrot hat sie ja schon gegessen. Hat's wenigstens ein bisschen geholfen?"
Kordula verstand nicht so richtig was Mama damit meinte. Leider hörte sie auch Jos Antwort nicht weil in diesem Moment das Telefon klingelte. Als Papa im Wohnzimmer endlich drangegangen war, war sie schon fast bei ihrem Zimmer angekommen. Glücklicherweise erzählte Mama Jo inzwischen von der Versammlung wegen der sie hatte länger auf Arbeit bleiben müssen. Sie verpasste also nichts wenn sie nicht weiter zuhörte.

Nachdem Kordula zuerst ihre Geige und ihren Ranzen weggeräumt hatte ging sie ins Nachbarzimmer zu ihrem Bruder. Der war nicht sonderlich begeistert als sie ihm erklärte wobei er ihr helfen sollte, nahm ihr die Tüte aber trotzdem ab.
"Sonst müssen wir das quiekende Ungeheuer wohlmöglich noch morgen beerdigen."
Zur Antwort streckte sie ihm die Zunge raus. Er wusste genau dass sie es nicht leiden konnte wenn er Kuli als Ungeheuer bezeichnete.
Später beim Baden hatte sie Mama dann vom Zaun erzählt. Von dem Eichhörnchen, dass sie aufgeschreckt hatten, und auch davon dass sie es zwar dieses mal geschafft hatte bis zum großen Baum ranzuklettern. Aber kurz loszulassen um sich an einem der Äste festzuhalten hatte sie sich dann doch nicht getraut. Dass sie eigentlich hatte fragen wollen, ob Mama Jos Schwester war, war in ihrem Kopf gar nicht mehr dringewesen.
******************************************


An den Tagen danach hatte sie dann auch nicht gefragt. Inzwischen hatte sie sich nämlich überlegt dass Mama vielleicht sauer sein könnte weil Jo geschwindelt hatte. Und sie wollte nicht daran Schuld sein dass die beiden sich stritten.

Heute am Freitag war sie endlich dazugekommen Ira davon zu erzählen. Die war nämlich nach dem Hort mit zu ihr nach Hause gekommen. Im Gegensatz zu Mama und Papa hatten Iras Eltern beide mehrere Geschwister. Daher wusste sie wie die Dinge zu sein hatten wenn man jemandes Nichte war. Zuerst war Ira ziemlich erstaunt gewesen weil Kordula sich da nicht auskannte. Sie meinte wenn die beiden Geschwister waren, daann müsste es Fotos geben auf denen beide zusammen als Kinder zu sehen waren. Kordula hatte solche Fotos bisher nicht gesehen. Allerdings kannte sie überhaupt keine Fotos auf denen Mama oder Papa als Kinder drauf waren. So kamen sie also nicht weiter.

Ira hatte sie dann gefragt ob Jo auch schon früher auf sie und Stefan aufgepasst hatte als sie noch klein waren. Kordula hatte überlegt. Noch klein bedeutete bevor sie hierhergezogen waren. Damals war sie vier gewesen. Sie hatte ein bisschen nachdenken müssen. Aber schließlich konnte sie sich erinnern, dass Jo sie mal mit Mama zusammen vom Kindergarten abgeholt hatte. Und irgendwann hatte er ihr mal eine Geschichte vorgelesen weil sie nicht hatte einschlafen können. Ob das bei Stefan auch schon so gewesen war wusste sie natürlich nicht. Fragen gehen konnte sie ihn aber im Moment auch nicht. Er hatte sie zwar vorhin abgeholt, aber jetzt Besuch von Anika. Und da mochte er es nicht wenn sie ihn störte ohne dass es wirklich wichtig war.

Ira hatte danach wissen wollen ob sie und Stefan von Jo etwas zum Geburtstag oder zu Weihnachten bekamen. Als Kordula ihr das bestätigte hatte sie gemeint, dass Jo und Mama dann vielleicht wirklich Geschwister waren.

Ira hatte aber auch noch einen Vorschlag gehabt wie sie nachfragen konnte ohne dass es Ärger gab falls Jo doch geschwindelt hatte. Sie hatte gemeint Kordula könnte ja hypotis fragen. So genau wussten sie beide nicht wie das Wort hieß. Es bedeutete jedenfalls, dass man nichts direkt erzählte sondern eher so drumrum fragte. Danach hatte Ira ihr erzählt dass sie im Fernsehen noch etwas anderes gesehen hatte. Da hatte jemand zwar direkt von dem Problem erzählt worüber er etwas wissen wollte, aber einfach gesagt es ginge um jemand anderen. Kordula fand dass das ziemlich kompliziert klang. Aber wenn man ein Geheimnis wirklich für sich behalten wollte konnte es vielleicht helfen.

Später hatte sie zusammen mit Papa Iris nach Hause gebracht und danach waren sie gleich noch einkaufen gewesen. Dabei hatten sie auch Sachen gekauft, die man brauchte um Eiersalat zu machen. Na ja, zumindest die Sachen die in Büchsen waren. Eier hatten sie schließlich noch richtig viele zu Hause. Im Hort hatte es nämlich eigentlich ein großes Ostereiersuchen geben sollen. Deshalb hatte Mama eine ganze Menge Eier in Farbe gekocht damit sie bunt wurden. Die hatte sie mitnehmen sollen. Aber der Ausflug war dann ausgefallen, und jetzt waren die Eier immer noch im Kühlschrank zu Hause. Bevor sie schlecht wurden sollte daraus jetzt Eiersalat werden. Stefan fand das zuerst keine gute Idee. Er meinte nämlich das Zeug würde ihnen zu den Ohren rauskommen lange bevor sie es aufgegessen hätten. Aber Mama und Papa hatten beide gesagt, sie könnten einen Teil davon mit auf Arbeit nehmen. DA würde der schon alle werden.

Eigentlich war ausgemacht, dass sie alle vier dabei mithelfen würden. Aber als sie vom Einkaufen zurückkamen war Stefan gerade losgegangen um Annika zum Bus zu bringen. Das konnte länger dauern. Also setzten sie sich fürs erste zu dritt um den KÜchentisch. Mama und sie schälten Eier und Papa fing an Zwiebeln zu schneiden.
Kordula fand, dass jetzt eine gute Gelegenheit war um nach der Sache mit der Nichte zu fragen.

"Wenn jemand sagt, er ist von jemandem der Bruder undas stimmt gar nicht. Ist das dann schlimm?"

Papa lachte: "Na, Frau Polizistin. Gut und böse sind eindeutig dein Fachgebiet."

Mama verdrehte die Augen. "Du weißt ja dass schwindeln eigentlich nicht richtig ist. Aber es kommt natürlich auch immer darauf an warum jemand etwas erzählt das nicht stimmt. Wie kommst du denn da überhaupt drauf."

Mist! Sie hätte wissen können, dass das so nicht klappte. Sie überlegte kurz ob sie es wirklich so machen sollte wie die Frau im Fernsehen. Sie könnte ja sagen, dass
es um jemanden aus ihrer Klasse ging. Aber irgendwie war das blöd. Also erzählte sie doch was am Dienstag beim Abholen passiert war.
Dabei guckte sie sehr konzentriert auf den Teller mit den Eierschalen vor sich. Als sie mit Erzählen fertig war beäugte sie vorsichtig die Gesichter ihrer Eltern. Erleichtert stellte sie fest, dass beide zumindest nicht sauer waren. Papa guckte eher so, als ob er die ganze Sache lustig fand. Mama schien über irgendwas nachzudenken. Plötzlich legte sie ihr Ei auf den Teller und stand auf. "Komm mit!" Etwas verwirrt folgte Kordula ihr also durch den Flur ins Arbeitszimmer. Sie wollte gerade nachfragen ob Jo nun geschwindelt hatte oder nicht als Mamas Handy klingelte. Glücklicherweise tat es das auch noch als Mama es in der Hand hatte. Als sie sah wer anrief grinste sie.

"Jo, wir haben gerade von dir gesprochen."
Kordula konnte natürlich nicht hören was Jo erzählte, aber Mama schien es ganz und gar nicht zu gefallen. Kordula konnte richtig sehen wie sie langsam wütend wurde.

"Sag mal hast du noch alle Latten am Zaun! Wie kommst du dazu da einfach reinzuklettern!"

Kordula wollte sich eigentlich schleunigst verdrücken. Wenn Mama so sauer war wie jetzt konnte es passieren das man selber auch was davon abbekam. Das tat ihr zwar hinterher immer leid. Aber schön war es trotzdem nicht. Allerdings hielt Mama sie kurz an der Schulter fest als sie sich umdrehen wollte. Also blieb Kordula stehen.
Während Mama weiter ins Telefon schimpfte, hatte sie sich einen Zettel gegriffen auf den sie irgend etwas schrieb. Danach schob sie ihn Kordula in die Hand und nickte gleichzeitig zur Tür.

Kordula brauchte keine zweite Aufforderung. Im Flur versuchte sie zu lesen was Mama aufgeschrieben hatte. Allerdings war es zu dunkel um wirklich etwas erkennen zu können. Also ging sie zurück in die Küche. Dort war inzwischen deutlich zu merken, dass Papa Zwiebeln geschnitten hatte. Es roch eindeutig danach. Außerdem musste Kordula sich erst mal die Tränen aus den Augen wischen. Als Papa sie bemerkte sah er hoch.

"Ist was passiert?"

Siezuckte mit den Schultern. "Ich glaub nicht. Sonst würde Mama sich bestimmt Sorgen machen. Aber sie ist eigentlich nur sauer."
Papa schien das zu beruhigen, denn er wandte sich wieder seinen Zwiebeln zu. Nachdem Kordula ihr Taschentuch wieder eingesteckt hatte konnte sie also endlich den Zettel lesen. Allerdings verstand sie schon die Überschrift nicht.

"Was heißt "Dauer-voll-macht?"

"Vollmacht heißt so viel wie Erlaubnis. Und Dauer heißt sie gilt für immer. Oder zumindest solange bis was anderes gesagt wird. Du brauchst also nicht jedesmal einen neuen Zettel mitbringen."

Kordula nickte. Inzwischen hatte sie den Restlichen Zettel durchgelesen. Da stand drauf dass Jo sie von der Musikschule abholen durfte. Die Buchstaben sahen so wütend aus wie Mama beim Schreiben gewesen war. Aber Frau Steinhuth kannte Mamas Schrift ja nicht. Von daher war das wohl egal.

Die war inzwischen zurück in die Küche gekommen und ließ sich genervt auf ihren Stuhl fallen.


"Ich schwör dir irgendwann... Verdammt noch mal das Gelände wird von Hunden bewacht. Und die Viecher haben keinerlei Hemmungen. Mal ganz davon abgesehen, dass er sich seine Beförderung in den Wind schreiben kann wenn das rauskommt. Manchmal würde ich ihm am liebsten...!"

"Tja, man kann sich seine Familie eben nicht aussuchen."
Kordula verstand jetzt noch weniger als vorher. Auf dem Zettel stand nichts davon, dass Jo Mamas Bruder war. Aber Papa hatte jetzt was von Familie gesagt. Allerdings grinste er dabei. Und Mama sah auch so aus, als ob sie eigentlich lachen musste, im Moment aber nicht wollte.

"Hat sichs's denn wenigstens gelohnt."

"Ja, wahrscheinlich." Mama klang so als würde sie das lieber nicht zugeben, sah aber doch nicht mehr ganz so wütend aus.

Kordula beschloss erst mal den Zettel wegbringen zu gehen. Mama mochte es nämlich nicht besonders wenn Kordula dabei war während sie von ihrer Arbeit erzählte und irgendwie sauer war sie ja doch noch.

Im Flur begegnete ihr Stefan. Er zog gerade seine Jacke aus.

"Was ist denn da drin los?"

"Ach, eigentlich nichts."

"Aha, und uneigentlich."

Kordula zuckte mit den Schultern. "Naja, Jo ist alleine irgendwo reingeklettert wo Wachhunde sind. Ohne vorher zu fragen."
Stefan verzog verstehend das Gesicht.

"Und was hast du da." Dabei zeigte er auf ihren Zettel.

"Da steht drauf, dass Jo mich von der Musikschule abholen darf - für immer - wahrscheinlich jedenfalls."

Stefan hatte sich inzwischen umgedreht und ging die Treppe hoch zu seinem Zimmer. Kordula kam hinterher. An seiner Tür schüttelte er jedoch den Kopf. "Räum erst mal den Zettel in deine Notenmappe. Sonst kommt er noch weg. Danach kannst du mir erzählen warum Mama dir so was beim Eiersalatmachen schreibt."
Kordula nickte und ging erst mal in ihr eigenes Zimmer. Vielleicht konnte Stefan ihr ja erklären ob sie nun Jos Nichte war oder nicht. Wenn er damit fertig war war Mama bestimmt auch fertig mit aufregen und sie konnten zusammen mit dem Eiersalat weitermachen. Der Zwiebelgeruch hatte sich dann sicherlich auch schon ein bisschen verzogen.
ENDE

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